Das jüdische Landhandelsunternehmen (Kornhaus) Weiler-Heineberg-Flechtheim AG handelte mit landwirtschaftlichen Produkten aller Art. Auch Vieh- und Pferdehandel gehörten dazu. In der Kernstadt gab es mehrere Handelsstützpunkte. Es erreichte bald eine überregionale Bedeutung mit Filialen in Höxter und Steinheim u. a. Auch der Großhandelsstandort Münster mit dem Flechtheimspeicher im Hafen, erbaut 1899, ist aus Brakeler Unternehmen hervorgegangen (vgl. Wikipedia, Flechtheimspeicher). Ebenso der gorße Speicher in Holzminden.
Die dreiFamilien Weiler, Heineberg und Flechtheim sind in Brakel alteingesessen und tauchen an vielen Stellen des gesellschaftlichen Lebens auf.
1825 gründete Levi Weiler die "Fa. L. Weiler" für Getreidehandel usw. in Brakel. Unter em Nachfolger Moses Weiler (1832-1915) entstand mit den Partnern Heineberg und Weiler die Firma "Weiler-Heineberg-Flechtheim AG". Im Volksmund wurde das Unternehmen gerne als „Die heiligen drei Könige“ oder "Die drei Weisen" bezeichnet in Anlehnung an die biblische Gechichte der drei Weisen aus dem Morgenland, die als Sterndeuter ins Westjordanland nach Bethlehem gezogen waren.
Die 1862 eröffnete Bahnlinie erwies sich als entscheidender Standortvorteil. Steinheim, das ebenfalls großen Umsatz mit landwirtschaftlichen Produkten machte, wurde erst 1872 (Güterbahnhof) eröffnet. [3] Die Firma wurde bald zum führenden Unternehmen in der ganzen Region.
Der Geschäftsbereich umfasst Produkte aller Art: Getreide, Futtermittel, Düngemittel, Sämereien (s. Anzeige unten). Eine Spezialität war der Handel mit Kleesaaten, die aus Ungarn, Italien und Böhmen kamen.
Zunächst war das Unternehmen in der Kernstadt angesiedelt und hatte verschiedene Orte des Verkaufes und Lagerhaltung:
- Am Markt 10: Kaufmann Josef Weiler (später Werkzeug-Haushaltswaren Salmen) mit Lager Brunnenstraße 1
- Hanekamp 5: Lagerhaus Sämereien (später Schuhhaus Brune)
- Am Thy 1: Handelsort (später Bereich Parkplatz hinter der Alten Waage)
- Burgstr. 5: Lagerhaus und Viehhandel: Ein langer Trog für die Pferde zog sich tief in die Gebäude hinein (später zeitweilig Gartenmarkt)
- Nordmauer: 2 Scheunen jenseits der Mauer
1925 übernahm die Landhandelsgesellschaft die ehemalige "Essigfabrik", Chemischen Werke der Firma Henkel & Baertling, Holzminden, gegründet 1910, an der Warburger Straße 38 hinter der Bahnlinie, heute Agravis-Kornhaus. Laut Chronik Riesel (CD) erfolgte die Übernahme bereits 1919. Am Standort Warburger Straße wurden große Silos errichtet und ein eigener Bahnanschluss zum Güterbahnhof Brakel gelegt.
Die letzten Eingentümer vor der "Arisierung" 1936 waren: Hermann Weiler (gest. 1936), Julius Heineberg (gest. 1934) und Richard Flechtheim (1888-1939).
Im März 1936 wurde das Geschäft mit allen Anlagen verkauft ("arisiert") an die Westfälische Centralgenossenschaft (WCG), die bereits in der Driburger Straße eine Niederlassung betrieb. Dieses Lager wurde um 1970 aufgegeben. Der Standort Brakel wurde zum Kornhaus Brakel, eine Filiale des Kornhaus Eissen. Die Filialen der jüdischen Firma Höxter und Steinheim gingen an die Bauerliche Bezugs- und Absatugenossenschaft Marienmünster.
Ein Zeitungsartikel in der Lokalzeitung vom 13.05.1936 stellt heraus, der Erwerb habe "im Sinne der Bereinigung unseres landwirtschaftlichen Wirtschaftslebens" stattgefunden und sei nun "ein machtvoller Faktor auf nationalsozialistischer Grundlage". In den Lebenserinnerungen (Br. Schriftenreihe, Heft 28) des Dr. jur. Karl Weilter, der Prokura hatte, musste die Firma weit unter Wert verkauft werden.
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Anzeigen in der Schrift "100-Jahrfeier der Stadt Brakel 829 - 1929" [1]
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Der Partner Weiler ist im Niekammer Adressbuch von 1931 aufgeführt als Weiler'sche Erben mit 53 ha Landbesitz: hier.
Die drei Familien hatten als Kaufleute weiteren Besitz bzw. Nutzung von Gebäuden in Brakel [2]:
- Fam. Weiler (Hermann, Josef): Wohnhaus Am Gänseanger 5 sowie Am Thy 3, Am Markt 2, 8, 10
- Fam. Heineberg (Hugo): Wohnhaus Am Gänseanger 9 sowie Am Thy 8
- Fam. Flechtheim (Julius, Otto, Richard): Wohnhaus Am Thy 2-6 sowie Kirchplatz 1
Anmerkung
[1] Hinweis zum Standort Eissen: Das Kornhaus Eissen wurde Anfang 1920er Jahre auf dem Reichsbahngelände mit mit Gleisanschluss errichtet, bei der WCG später als Lager 2 geführt. Gebäude und Anlage gehören heute (2020) der Fa. Bio-Engemann, Eissen. Über den Standort im Höxter ist im Moment nichts bekannt.
[2] Quelle: Aus dem Straßenverzeichnis der Stadt Brakel 1921 (Manuskript bei der Einführung von Straßennummern)
[3] Johannes Waldhoff schreibt im Heft 76 der Mitteilungen des Kulturausschusses der Stadt Steinheim auf S. 5-7 diese Bemerkungen:
- „Der Handel [mit Getreide und Vieh um 1850] ist größtenteils in den Händen der Juden… Der Umsatz mit Getreide betrug 100.000 Scheffel.“ Das entspricht ca. 7.000 t Getreide.
- "Die dortigen jüdischen Getreidehändler Weiler, Heineberg und Flechtheim nutzen den Vorsprung und konnten ihn dauerhaft halten." Dies bezieht sich auf die Streckenführung der Bahnlinie über Brakel, während Steinheim erst 1872 an Bahnnetz kam.
- Die drei Lagerhäuser am Güterbahnhof "wurden ursprünglich von der Getreidehandlung Abraham Weil erbaut und gingen nach deren Konkurs 1914 an die Fa. Weiler, Heineberg, Flechtheim in Brakel über.
[3a] Johannes Waldhoff„ Buch 2016, Jüdisches leben in Steinheim, S. 156
- Anzeige der Filiale der Fa. W. H. F. Brakel (o. J.) zur Übertragung der Geschäftsführung in Steinheim, Güterbahnhof an Karl Weil (1895-42). "Wir halten ein ständiges Lager in sämtliche Düngersorten wie; Ammoniak. Kalkstickstoff, Kalksalpeter, Leuana- und Montansalpeter, Chili Peru, Amm.-Superphosphat 5x9, Superphosphat usw." Karl Weil, hatte 1923 die großen Getreidehändler Hocheimer und Herzfeld übernommen und bald an die Brakeler Firma verkauft. .
Soistmann Alexander David Flechtheim (1765-1838) u. a. (Vgl. Familie Flechtheim, Wikipedia)



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