Die Chronik der Stadt Brakel enthält diese kenntnisreiche Zusammenfassung des Verfahrens von Georg Müller [1]. Vgl. [2]

Abschluss des 10-jährigen Flurbereinigungsverfahren


Volle zehn Jahre hat das Flurbereinigungsverfahren in Anspruch genommen, von dem der größte Teil der Feldmark von Brakel und Hembsen sowie Gemarkung Beller betroffen waren. 
Beantragt vom 23.10.1967. Angeordnet vom 28.04.1972. Ausgeführt vom Amt für FB und Siedlung Warburg. Abschluss […] nach den Offenlegungsterminen und der Anhörung am 25.10.1977 Gastwirtschaft Wulf, Erkeln, am 15.11.1977 Gastwirtschaft Stein, Brakel .


Wie kam es, dass dieses Verfahren so eine lange Zeit in Anspruch nahm?

 

In die Wege gleitet wurde das Vorhaben unter dem Titel „Beschleunigtes Zusammenlegungsverfahren“ von Stadtdirektor Josef Gerke. Er verfolgte damit in der Hauptsache zwei Ziele:

  1. Durch Ansiedlung von bäuerlichen Betrieben aus dem eigentlichen Stadtbereich in die Feldmark wollte er die Möglichkeiten für die Stadtsanierung verbessern
  2. Durch eine FB im Sinne eines planvollen Zusammenlegungsverfahrens bäuerlichen Landbesitzes wollte er für die Stadt dringend notwendiges Siedlungsgelände am Stadtrand zur Errichtung von Wohnen und Gewerbe erwerben.

Vollste Unterstützung fand er bei Landwirtschaftsdirektor Dr. Albert König, Brakel. Ohne dessen tatkräftige und zielstrebige Mithilfe wäre es Gerke sicherlich nicht gelungen, seine Ziele in Art und Umfang, wie es geschehen ist, zu erreichen. Obwohl auch Dr. König vom Wert des Flurbereinigungsverfahrens im Interesse der Bevölkerung überzeugt war, musste er als Vertreter der LW die Dringlichkeit der Agararstrukturverbesserung an die Spitze setzen.
 

Obwohl es in der Stadt Brakel, die noch vor dem letzten Kriege ein rein landwirtschaftlich-bäuerliches Gepräge hate, der außerordentlich starke wirtschaftliche Strukturwandel zugunsten der produzierenden und gewerblichen Industrie die Erwerbsstruktur und damit auch das gesellschaftliche Gepräge der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten in einem unerwartet hohen Maße verändert hat, stelle die Landwirtschaft dennoch in unserem Raum einen bedeutsamen Erwerbszweig dar. 

 

Tabelle

Erwerbstätige im Flurbereinigungs-Gebiet Brakel, Beller, Hembsen 1961 und 1970

 

Land- und Forstwirtschaft          1512 (28,7 %) und 582 (12,5 %), Differenz -16,2

Produzierendes Gewerbe           2282 (42,2 %) und 2381 (46,5 %), Differenz + 4,3 %

Handel und Verkehr                     1533 (29,1 %) und 1904 (41 %), Differenz + 11,9 %

 

[…] In ihrem Erscheinungsbild hat die Großgemeinde Brakel ein durchaus ländliches Gepräge. Das ist von schwerwiegender Bedeutung. Nach Entwicklungsplan I zählt die Großgemeinde Brakel zu den ländlichen Zonen. Nach dem Landesentwicklungsplan (LEP I) ist sie ein Entwicklungs-Schwerpunkt dritter Ordnung. Was bedeutet das? Die Entwicklung geht in Richtung Unterzentrum. […] Dadurch würde die … wirtschaftliche Entwicklung empfindlich gehemmt und eingeschränkt.

 

Das konnte Dr. [Albert] König vor 10 Jahren noch nicht ahnen, geschweige denn wissen. Aber der Landwirtschaftsfachmann war sich im Klaren, dass dem bäuerlichen Berufszweig allein schon wegen seiner nicht unbedeutenden Kaufkraft keine untergeordnete oder gar nebensächliche Bedeutung beigemessen werden durfte. […] Wie recht er hatte, zeigt die gegenwärtige Situation. […]

 

Die Aussiedelung von bäuerlichen Betrieben in die Feldmark wurde jetzt im steigenden Maße zum Problem, das ebenso dringend wie sinnvoll gelöst werden musste. Infolge des ständig zunehmenden motorisierten Straßenverkehrs, der damals noch durch die verhältnismäßig engen und kurvenreichen Straßen durch die Stadt rollte, weil die Umgehungsstraßen noch nicht gebaut waren, war sich jeder, vor allem aber die Bauern selbst, darüber im Klaren, dass das Vorhandensein von bäuerlichen Anwesen in der Stadt wegen der Schwierigkeiten und Gefahren beim Ein- und Austreiben des Viehs und bei der Einbringung der Ernte kein haltbarer Zustand mehr war. Mehrere Landwirte hatten sich deshalb schon Jahre vorher entschlossen auszusiedeln. Sie hatten auf diese Weise eine Entwicklung eingeleitet, die jetzt in ein Stadium kam, das eine gründliche und planvolle Lösung erforderlich machte. Das konnte nur durch ein Flurbereinigungsverfahren geschehen.

 

Für einen Mann wie Dr. König war es daher nicht allzu schwer, die 70 bis 80 Bauern, die einer Einladung zu einer Versammlung in die Stadthalle am 29.11.1966 gefolgt waren, von der Notwendigkeit eines solchen Verfahrens zu überzeugen. Auch die Ratsherren konnte er  [... beeinflussen,] dass auf der Sitzung 23.10.1967 der einstimmige Beschluss gefasst wurde, ein Beschleunigtes Flurbereinigungsverfahren bei dem Amt für Agrarordnung und Siedlung Warburg zu beantragen …

 

Aber gegen die Auffassung, es beschleunigt durchzuführen, hatte man […] starke Bedenken, die im Schreiben vom 21.12.1967 an den Stadtdirektor unmissverständliche dargelegt wurden.

Es wird darauf hingewiesen, dass ein Verfahren von so weitreichender Bedeutung nicht in Hast durchgeführt werden könne und dürfe. Es sei außerdem ratsam , erst den Bau der Umgehungsstraßen L 712 (B 252, Ostwestfalenstraße) und der K 18 (Kreisferienstraße bzw. L 863) abzuwarten, um zu vermeiden, dass später ärgerliche und kostspielige Veränderungen vorgenommen werden müssten. Es sei zu empfehlen, das Vorhaben 1 bis 2 Jahre zurückzustellen. … (Anmerkung d. Verf.: Es blieb also bei dem sog. klassischen Verfahren!).

 

Nach vier Jahren, am 28.10.1972 wurde mitgeteilt, dass in Kürze mit der Einleitung des Flurbereinigungsverfahrens zu rechnen sei. … „Das Verfahren soll nicht nur der Verbesserund der Agrarstruktur dienen , sondern hat auch das Ziel, die Infrastruktur des Raumes Brakel und die von der Stadt geplanten Sanierungsmaßnahmen sowie die allgemeine Landschaftspflege zu fördern.“ […]

 

Das Verfahren sollte die im Flächennutzungsplan festgelegten Ziele verwirklichen:

  1. Außer erheblichen Abrundungen des vorhandenen städtischen Siedlungsbereiches im Nordosten der Stadt am Heineberg sollte in demselben Stadtbezirk noch weitere Wohnfläche von 30 ha erworben und erschlossen werden.
  2. Im Anschluss an das schon bebaute Industriegebiet südlich der Bahnlinie im Königsfeld sollte die Baufläche für gewerbliche Zwecke um ca. 25 ha erweitert werden.
  3. Das Gebiet am Kaiserbrunnen […] sollte noch weiter westwärts auf das Wiesengebiet in der Brauchtaue über die Ferienstraße in den Pahenwinkel hinweg auf das Gelände hinter der Annenkapelle ausgedehnt werden.

In Brakel lagen die Planungen vor, als nach viereinhalb Jahren ..doch die Anordnung des Verfahrens erfolgte erst am 28.08.1972. Fünf Jahre waren vergangen, weitere fünf Jahre sollte es noch dauern, bis es schließlich am 15.11.1977 zum Abschluss gebracht werden konnte.

 

Während dieser Jahre liefen nämlich zwei größere Betriebe aus.

  • Im Hembsen verkaufte Herr von Kemski seinen Gutshof, ….[ca. 120 ha, d. Verf.]
  • In Brakel verkaufte Hermann Stricker den allergrößten teil seines Modexer Hofes , … [ca. 70 ha, d. Verf.] 


So konnten 2 Bauern aus dem Stadtbereich aus dem Stadtbereich ausgesiedelt werden. Es war der LW Franz Breker, Südmauer… und der Bauer Heinrich Potthast, Nieheimer Straße ……Auch der Bauer Ferdinand Mönnikes (Heinefelder Weg) verkaufte und verzog nach Siddessen und der Bauer Heinrich Kirchhoff vom Heinefelder Weg fort ins Annenfeld aussiedelte.


Infolge des Baus der sog. Kreisferienstraße (K 18) wurden die Bauern Hermann Bröker (Heinefelder Weg 2) und Anton Senft-Trute (Am Schützenanger) veranlasst, ihre Wohnplätze in der Stadt abzugeben und ihre Gehöfte neu in der Feldmark zu errichten. Diese Ereignisse läuteten einen Strukturwandel ein, der das Bild der Stadt außerordentlich stark und eindrucksvoll verändert hat. Inwiefern?


Die grundlegenden Veränderungen für Landwirtschaft, Stadt und Verkehr

  1. Die Abrundung zersplitterten und unwirtschaftlich geformten Grundbesitzes sowie die Aussiedlung bäuerlicher Betrieb in die Feldmark als Fortsetzung einer Entwicklung, die bereits in den 1950er Jahren eingesetzt hatte, erwiesen sich schon bald als eine echte Verbesserung der Agrarstruktur der Stadt,  aber auch als beachtlichen Vorteil für die betroffenen Bauern. Beide Vorgänge führten dazu, dass in der Gemarkung Brakel heute Einzelhoflage vorherrscht.

  2. Am Stadtrand wurde das Siedlungsgebiet beträchtlicher ausgeweitet, so dass am Hembser Berg , an der Nieheimer Straße .. sowie am Heineberg rechts der Brunnenallee neue Wohnviertel im wahrsten Sinne des Wortes entstehen konnten. Am südlichsten Abhang des Heinebergs wurde weithin sichtbar in günstiger Lage das neues St. Vinzenz-Krankenhauses erbaut. Am nördlichen Abhang wurde ein reichlich großer Platz für die Errichtung einer Justizausbildungsstätte bereitgestellt. 

  3. Das Erholungs- und Freizeitgebiet Kaiserbrunnen wurde bis an die Brucht ausgedehnt, … Ein kleiner Stausee wurde am Rand der Brauchtaue angelegt … mit schönen Spazierwegen

  4. Für den Bau der Ostwestfalenstraße (B 252) und der Kreisferienstraße (K 18) wurde das notwendige Gelände zur Verfügung gestellt. … Weil es nicht an Gelände mangelte, konnte auch das Anbindungssystem der L 712 (B 252) an die B 64 im Königsfeld so gestaltet werden , dass es demnächst als fertiges Teilstück in die neue Linienführung […] eingefügt werden kann.  


Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass das Flurbereinigungsverfahren zu hervorragenden Ergebnissen geführt hat.


Da nun aber „im Leben nichts ohne Rest aufzugehen pflegt“, hat es auch eine bedauerliche Folgeerscheinung ausgelöst, die zum Schluss auch noch erwähnt werden muss. Es hat sich ergeben ,dass einige am Verfahren beteiligte Bauern nicht zufrieden gestellt werden konnten. Der eine oder andere fühlt sich mehr oder weniger benachteiligt, Aber das ist durchaus verständlich. [...]

Diese einzige negative Folgeerscheinung des Flurbereinigungsverfahrens ist vom Menschlichen gesehen bedauerlich, ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese so gründlich und verantwortungsbewusst durchgeführte Neuordnung des bäuerlichen Grundbesitzes sich im Interesse und Nutzen der Gesamtbevölkerung unsere Stadt als außerordentlich nützlich und wertvoll erwiesen hat.

Übersicht über die 1949 bis 1976 ausgesiedelten bäuerlichen Betriebe in zeitlicher Reihenfolge (hier in Kurzform und mit dem Hinweis, dass sich die die angegebe Reihenfolge sich nicht mit anderen Daten deckt, d. Verfasser):

  • Schild, Adolf / Potthast, Josef / Böger, Georg / Rox, Franz / Tilly, Franz/ Jacobi, Fritz
  • Riepe, Johannes / Franzen, Willi / Assmann, Peter / Potthast, Heinrich /Tilly, Josef
  • Kirchhoff, Heinrich / Potthast, Heinrich / Meyer, Wilhelm / Roland, Johannes
  • Reineke, Ferdinand / Breker, Franz / Eggers, Heinrich / Wernke, Bernhard
  • Wand, Josef /Mönnikes, Ferdinand /Bröker, Hermann / Senft-Trute, Anton


Die Ausdehnung der Stadt nach dem Kriege hat sich so unerwartet schnell vollzogen, dass die Bauern Josef, Potthast (Vitusstraße) und Josef, Tilly (Brunnenallee) schon wieder in bebauten Siedlunggebieten wohnen und dafür eine weitere Aussiedlung in die Feldmark in Erwägung ziehen.

 

Quelle

[1] Georg Müller (Chronist, o. Jahr): Chronik der Stadt Brakel, S. 396-403
Heutige Rechtschreibung und Hervorhebungen im Text durch den Verfasser.   

Hinweis auf die formellen Verfahren, d. Verf. 

  • Das große Verfahren von 1972 trägt die Nummer Az. 29721, Name Brakel, Regelflurbereinigung § 1, 2.776 ha, Einleitung 24.05.1972, Ausführung 01.07.1980, Schlussfeststellung 28.12.1990. 
  • Ein früheres Verfahren von 1955 trägt das Az. B.744, Name Brakel, Beschleunigtes Verfahren § 91, 521 ha, Einleitung 16.04.1955, Ausführung 06.09.1957, Schlussfeststellung 03.05.1962.