Nepomuk von Schwerz bereiste im Auftrag der Regierung ab 1816 die preußischen Lande Westfalen und Rheinpreußen. Das Buch erschien erst 1836. Seine Beschreibung der Landwirtschaft beruht auf wochenlangen Reisen, vielen Gesprächen vor Ort und regionalen Kenntnissen. Schließlich sollte er auch Empfehlungen entwickeln für die Entwicklung der Landswirtschaft in der Region geben. 

 
Ein Faksimiledruck dieser Ausgabe in zwei Bänden (für das Rheinland und Westfalen) erscheint im Landwirtschaftsverlag Münster-Hiltrup (bzw. Bonn) um das Jahr 1980.

 

Mit drastischen Worten und eindrucksvollen Bildern schildert von Schwerz die Rückständigkeit der Landwirtschaft in Westfalen am Beginn des 19. Jahrhunderts. Vorher hatte er schon andere Gebiete bereist und die schon weit entwickelte Landwirtschaft in Belgien kennengelernt und beschrieben. Vieles schiebt der Agrarfachmann auf die noch verbreitete gemeinschaftliche Nutzung insbesondere von Weideflächen und die noch abhängigen Bauern, die bei Grundherren in Abgaben und Diensten standen. Die preußischen Agrarreformen greifen erst ab 1840 und bringen dann aber zügig die Landwirtschaft voran. Die Landwirtschaft im Hochstift blieb noch einige Jahre länger dem alten System verhaftet.

Mein perönlicher Eindruck ist der: Beim kritischen Lesen kommen Zweifel an der Wahrheit und Objektivität der Beobachtungen! Im Sinne von Sensationsmeldungen geht von Schwerz sehr weit mit seinem Spott und seiner Geringschätzung von Menschen und Zuständen. Oder will er damit bei seinem Auftraggeber den Eindruck erwecken, er sei ein messerschafer und gnadenloser Analytiker? Genauso wie heute waren damals auch bewusst lebende Menschen am Werk, die sich um ihre Existenz mit den notwendigen Arbeiten und der Vorsorge für das Vieh kümmerten. Diese Verbundenheit mit der Natur, ihren Geschöpfen und dem Wachstum schreibt er ihnen teilweise ab.    

 

In seiner Analyse über unsere Region findet er markige Worte (zur besseren Lesbarkeit sprachlich angepasst).


Zum allgemeinen Zustand der Landwirtschaft in der Warburger Börde

Ein erprobter Landwirt berichtet über die Verhältnisse in der Warburger Börde:

Man muss die Hauptursache unseres verderbten Zustandes in der gemeinschaftlichen Benutzung unserer Kommunalgründe aufsuche. So unbedeutend ihre Nutzung ist, so veranlasst die von anderen Seite einzig und allein, dass der gemeine Landwirt nun und nimmer zu einem befriedigenden Ertrag auf seinen Feldern gelangen kann.

Der beste Dung wird darauf verschleppt, die Grundstücke werden nicht gehörig gedungt, kein Futter gewonnen, keine Befriedigende Ernte an Korn erzielt; die Nachteile sind unberechenbar.

 

Über die Haltung und Ernährungszustand des Viehs

Einmal ist kein Futter für den Winter da. Doch kümmert es den Bauern nicht, solange er mit dem Dreschen beschäftigt ist. Stroh und Kaff sind alles, was sein Vieh sich wünschen darf. Endlich tritt Lichtmess ein (2. Februar, so das Dreschen gewöhnlich zu Ende geht) und nun ist wahrhaft, nach dem Sprichwort Licht in allen Ecken. Denn alles ist licht und leer, und leerer wird von Tag zu Tag der Wanst der armen Tiere. Milch, Fleisch, Kräfte gehen dahin, und zögert die gute Witterung im Frühjahr, dann kommt es in die Wirtschaft zu Allerseelen.

 

Wie das Vieh im Frühjahr auf die Weide kommt

Will man sich ein Unwillen und Erbarmen erregendes Schauspiel denken, so muss man sich einfinden, wenn das Vieh im Frühjahr zur Weide gebracht wird.

Von Unflat wie mit einem Panzer überzogen, mit spitz hervor ragenden Rippen und Knochen, schleichen die unglücklichen Opfer des menschlichen Unsinns mit zusammengekrümmten Leib heran, und bleiben nicht selten im Kot stecken, aus dem man ihnen hervorhelfen muss.

Der Bauer, an einen solchen Anblick gewöhnt, freut sich seinerseits herzlich, der lästigen Gäste endlich los geworden zu sein. Dass er nun weder Milch noch Butter von dem verfallenen Vieh zu erwarten hat, ficht ihn weniger an, als die Sorge, die er bisher hatte, wie er sein Vieh bis zum frischen Grün bringen sollte.

Hat er keine Butter, so isst er Speck zu seinen Kartoffel. Und ist auch dieser aufgezehrt, so würzt er sie mit trockenem Brot.  

Die Tradition hemmt und die Gemeinweiden sollen intensiviert werden

Der Übergang wird schwer sein. Allein, wenn ihn das physische und moralische Wohl zugleich fordert, dann ist eine vorübergehende Schwierigkeit nur eine Kleinigkeit und sich ihr unterwerfen, nur ein notwendiges Opfer. Es ordnet sich alles in der Zeit nach Zeit und Umständen. Und der Bauer wird einst die Hand segnen, die ihn, wenn auch etwas rasch, zu seinem eigenen Wohle zwingt.

Man muss Futterkräuter anbauen, wenn man keine unentgeltlich keine Weide hat. Man erhält Futterkräuter, wenn dem nachteiligen Hüten und Herumirren der Viehgattungen Einhalt getan wird. Man wird verbessern, wenn man eigentümlich besitzt, was sonst niemand angehörte. 

 

Festhalten kann man, dass um 1800 die Landwirtschaft noch in einem beklagenswerten Zustand ist. Es gab zu viele Hemmnisse, eine festgefügte alte Agrarverfassung und viele Abhängigkeiten. Die Wirtschaftspolitik im alten Hochstift Paderborn konnte kaum neue Akzente setzen. Erst mit den Preußen ab 1803 kam Bewegung und ein wirtschaftlicher Liberalismus ins Land und die individuelle Fähigkeiten der Menschen konnten sich entfalten.


Ulrich Ernst beschreibt als Historiker und Wirtschaftsgeograph um 1980 die Situation wie folgt.

Drei Hauptziele verfolgten die Reformer:

  • die Befreiung der abhängigen Bauern von den persönlichen Belastungen, die sich aus der Form der Grundherrschaft ergaben;

  • die Befreiung des Grund und Bodens von allen Beschränkungen und

  • die gesetzliche Neuregelung des bäuerlichen Erbrechts."

(vgl. Ulrich Ernst, Wirtschaftliche und soziale Verhältnisse in der Stadt Brakel im 19. Jahrhundert. In: Brakel 1979, S. 202 f)