Der Brakeler Tierarzt Dr. Classen blickt auf seine aktive Zeit zurück

 

Dr. Wilhelm Classen praktizierte von 1952 bis 1990 als Tierarzt in Brakel. Das sind 38 Jahre Tätigkeit in einem Beruf, der geprägt war durch die medizinischen Versorgung ihres Viehbestandes und den vertrauensvollen Umgang mit den Landwirten. Er erlebte in dieser Zeit die rasante Weiterentwicklung der Methoden und Möglichkeiten in der Veterinärmedizin und gleichzeitig die sich wandelnden wirtschaftlichen Bedingungen und Anforderungen für die Tierhaltung insgesamt.

 

Großtiere wie Rinder, Schweine und Pferde, gelegentlich auch Ziegen waren das Hauptgeschäft der Tierärzte. Erst später an den 1970er Jahren kamen auch die Kleintiere hinzu, für die er die Praxis in der Nieheimer Straße einrichtete. Großtiere hatten damals noch einen relativ hohen wirtschaftlichen Wert und die Kosten einer individuellen Behandlung der erkrankten Tiere lohnten sich für den Landwirt.

 

Ein zweiter Aufgabenbereich war die amtlich bestellte Tier- und Fleischbeschau, bei der die Schlachttiere auf ihre Gesundheit überprüft wurden. Es sollte ja sicher gestellt sein, dass nur gesundes und einwandfreies Fleisch in den Handel kam.

 

Ich hatte im März 2016 Gelegenheit, mit Dr. Classen darüber zu sprechen und gebe hier einige Sätze aus der Erinnerung als Zitat wider.

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Zur Person

 

Wilhelm Classen ist 1925 im Rheinland als Sohn eines Beamter in Viersen geboren. Nach dem Studium der Veterinärmedizin in Gießen kam er 1952 nach Brakel, wo er eine Stelle als Assistenzarzt in der Praxis von Dr. Harry Nutt antrat. Mitte der 1950-er Jahre heiratete er dessen Tochter Ilse Nutt und führte ab 1962 die Praxis selbständig. „Zehn Jahre als Assistenzarzt, das war eine lange Zeit, aber meine Schwiegervater wollte noch nicht so früh ‚auf der Holzkiste am Ofen sitzen‘, wie dieser immer sagte!“

 

Die Dissertation von Dr. Classen beschäftigte sich mit der Verbreitung von Parasiten wie Leberegel und Lungenwürmer. Die Ergebnisse flossen in eine bundeweite Erhebung des Hygienezustandes im Nachkriegsdeutschland ein.

 

Auch diese Aspekte sind mit einer langen Tätigkeit verbunden, das Arbeitsethos und der Umgang mit Tier und Mensch. „Der tierärztliche Beruf ist kein Gewerbe“, so steht es im §1 der Bundestierärzteordnung „er ist seiner Natur nach ein freier Beruf. Die/der Tierärztin/Tierarzt ist der berufene Schützer der Tiere“. Nur mit einem solchen Verständnis kann man sich auch den dauerhaften Respekt und die Anerkennung erwerben.

 

Denn im Umgang mit Tieren sind Einfühlungsvermögen, nicht selten auch viel Geduld sowie schließlich auch gewisse Haltung und nicht zuletzt auch reine Körperkraft notwendig. Einen geregelten Arbeitsalltag gibt es für Tierarzt auf dem Land nicht. So musste er auch z. B. nachts oder an Wochenenden und Feiertagen helfen, ein Fohlen, Kalb oder Lamm zur Welt zu bringen und auch Koliken und Milchfieber behandeln.

 

Man kann sich vorstellen, dass diese Arbeit ohne das Verständnis und intensive Mitarbeit seiner Frau Ille (Ilse) nicht möglich gewesen wäre. In den ersten Jahren fuhr die ausgebildete veterinärmedizinisch-technische Assistentin noch mit zu den Operationen auf die Höfe. Später, als die Kinder da waren, organisierte sie, häufig betitelt als „Frau Doktor“, die Abläufe in der Praxis zuhause. Sie war zuständig für die Medikamentenabgabe, ebenso Ansprechpartnerin für die Bauern und sie hatte immer ein offenes Ohr und Herz für deren Anliegen.

 

Streiflichter aus seiner Tätigkeit

 

Das von Dr. Classen betreute Revier waren diese Orte: Brakel, Schäferhof, Bellersen, Abbenburg, Bökendorf, Hembsen, Beller, Erkeln, Tietelsen, Rheder, Riesel, Istrup und Schmechten.

 

Am Anfang seiner Tätigkeit in Brakel hatte er viel mit Hygienemaßnahmen zu tun. Für den Kreis Höxter war er als „Hilfstierarzt“ im Einsatz zum „Tuberkulinisieren“, so die beiden Originalbegriffe. Die Tuberkulose war eine verbreitete Tierseuche, die großen wirtschaftliche Schäden verursachen konnte und die man durch eine Immunreaktion auszumerzen versuchte. Bildeten an der Impfstelle sich Quaddeln, so war das Tier positiv und musste aussortiert werden.

 

Auch die Brucellose, das Seuchenhafte Verkalben oder der Abortus Bang, eine Infektionskrankheit, die im letzten Drittel der Tragezeit zu Todgeburten führte, war danach im Visier des Veterinärdienstes. Sein Betreuungsrevier war immer eines der ersten, die den Status „frei“ erhielten. Bei diesen Aktionen waren auch Assistenzärzte der Universität Hannover im Einsatz. Darunter waren mal zwei Südamerikaner, ein Brasilianer (Ronaldo) und ein Guatemalteke, wie er erzählt!

 

Der erste Kaiserschnitt im Kreis Höxter fand in der Garage von Dr. Classen in Brakel statt. Ein Verfahren, das bei vermutlich schwierigen oder unmöglichen Geburten durch Falschlagen des Kalbes in der Gebärmutter zum Einsatz kam. Vorher mussten in solchen Fällen die Kälber im Mutterleib zerlegt werden, eine grausige Vorstellung. Auch Fremdkörper im Tier mussten mit Operationen entfernt werden. Abszesse an den Tieren nach Verletzungen oder grober Behandlung kamen nicht selten vor.

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Besamungsschutzgebiet Hochstift

 

Ja man reibt sich die Augen, aber es gab tatsächlich um 1960 diese Vorschrift der vier Kreise im Hochstift zur Rinderzucht. Die Künstliche Besamung bei Rindern war praxisreif und sollte zur Entwicklung der Tierzucht eingesetzt werden. Doch hier im Hochstift befürchtete man eine Verengung der Zuchtlinien und der Verlust der lokalen Rassentypen. Erst als einzelne Betriebe, darunter der Schäferhof in Brakel, Ausnahmereglungen forderte, wurde diese Bastion gebrochen. In der Folge wurde die künstliche Besamung bei Kühen bald Standard.

 

Durch Einkreuzen von Bullen aus Zuchtlinien, die viel Milch gaben, stieg die Jahresleistung der Kühe in wenigen Jahrzehnten von etwa 4.000 auf einen Schnitt heute von knapp 10.000 kg Milch.

 

Damals waren die Spermaportionen nur in Thermobehältern gekühlt und noch nicht tiefgekühlt wie später. Das Frischsperma war nur ca. fünf Tage haltbar. Der Transport mit der Bahn erfolgte über den Bahnhof Brakel. Am Güterbahnhof war die Übergabe und dorthin mussten auch die nicht benötigten Portionen schnellstens zurück. Das war Expressdienst früher.

 

Arbeitsgeräte und Umgang mit Großtieren

 

Der erster Dienstwagen war ein gebrauchter VW-Käfer, ein klassischer Zweitürer, der gute Organisation beim Verstauen der ganzen Utensilien voraussetzte. Teilweise war er auch mit einer NSU Quickly und einem Rucksack im Einsatz! Er hatte einen metallenen OP-Koffermit medizinischen Geräten und eine aufklappbare Tasche mit weiterem Gerät und Medikamenten wie Jodsalbe, Melkfett, Kühlgel, Salben zur Linderung und Desinfektionslösung. Watte, Bandagen, Mullbinden mit Schere waren tägliches Einsatzmaterial.

 

Der Doktor trug bei offiziellen Anlässen schon mal auch den weißen Kittel, der aber die Tiere nur erschreckte. Im Regelfall war der graue Kittel die Arbeitskleidung - wenn er überhaupt einen solchen trug. Erst später kamen die heute üblichen leichten Overalls dazu. Auch so ein Satz von Dr. Classen: „Kittel hindern doch nur bei der Arbeit. Ein Tierarzt muss doch die Ärmel hochkrempeln und praktisch zu Werke gehen können“.

 

„Bitte Wasser, Seife und Handtuch bereit stellen“, das war der Standardsatz, wenn er bei seinen Besuch den Stall betrat. Man kann sich vorstellen, wie manchmal die knappen Handtücher früher aussahen. Und er wollte auch immer die Fiebertemperatur der kranken Tiere als Information haben, um zu sehen, in welche Richtung die Erkrankung geht. Einmal war kein Thermometer vorhanden und da half der „Eskimo“ genannte Kühlgerätehändler aus Brakel bei einem Landwirt mit einem Großthermometer - das dann aber nur bis 35 Grad anzeigte und damit nicht brauchbar war.

 

Gummihandschuhe, heute eine Selbstverständlichkeit und ein Eimalartikel, gab es zunächst auch nicht. Es folgten umständliche Versuche mit den Gummihandschuhen, die dann immer länger und dann auch im Material besser wurden.

 

Der Umgang mit Großtieren erforderte natürlich immer eine Portion Mut und große Achtsamkeit. Die Behandlungen erfolgtem im Stall oder auf dem Hof. Die Kühe waren angebunden und nicht so gefährlich, aber Bullen wurden meist in größeren Buchten gehalten und da musste man hinein. „In meinem Arbeitsstiefel, zuerst aus Leder, später aus Gummi, hatte ich immer einen Knüppel dabei.“ Und so bleibt er selbst, abgesehen von Rippenbrüchen und Prellungen, von schwereren Verletzungen verschont.

 

Der persönliche Umgang mit den Landwirten und Tierhaltern entwickelte sich so über Jahrzehnte und so er erlebte auch eine Teil Sozialgeschichte der Bauern mit. So war es in den 1950er und 60er Jahren noch üblich, sich nach schwierigen Operationen mit allen Helfern an den Tisch in der Küche zu setzen. Man besprach dann den Fall und gleichzeitig erzählte man sich „Dönekes“ aus dem Dorf und blieb so auf dem Laufenden. Gerade Tierärzte hatten nicht selten den Ruf, starke Raucher zu sein und gerne einen zu trinken. Dr. Classen hatte sich dagegen entschieden – aus Verantwortung gegenüber seinen Patienten, den Landwirten und besonders auch seiner eigenen Familie. Sonst wäre er vermutlich heute mit 90 Jahren nicht in einer so guten Verfassung.

 

Neue Entwicklungen

 

Zum Wandel seines Arbeitsgebietes berichtete er weiter: die Tierbestände bei den Schweinehaltern wuchsen und man strebte eine effiziente und wirtschaftliche Tierproduktion an. In den großen Ställen stieg aber auch die Anfälligkeit für Tierkrankheiten wie Ferkelhusten und Ferkelgrippe. Diese Infektionskrankheiten riefen die sog. „Autobahntierärzte“ auf den Plan. Sie gaben Arzneimittel wie Hormone (zur Zyklussteuerung) und Antibiotika ab, die die Landwirte dann selbst einsetzen durften. Auch in manchem Fertigfutter waren damals vorsorglich Medikamente in geringer Dosierung beigegeben. Das beobachtete er mit großer Sorge und war erleichtert als sich mit der vertraglichen Bestandsbetreuung durch Tierärzte eine neue Form der Tätigkeit durch setzte.

 

Auch erfreulich, dass die Offenheit für homöopathische Mittel bei Tierärzten und Landwirten mit der Zeit gewachsen ist. Echinacin war einer der ersten Pflanzenwirkstoffe gegen Infektionen und zur Stärkung des Immunsystems.  

 

Dr. Classen und die Pferde

 

„Ich kannte jedes Pferd in Brakel“. Wer so etwas sagt, weiß wovon er spricht. Kaltblut als Arbeitspferde waren seine Patienten am Anfang. Dabei ging es noch häufig um Hufkrankheiten. Später war es dann die Betreuung von Sport- und Hobbypferden, die seine Passion wurde. Im Reiterverein Nethegau Brakel war er trotz seiner knapp bemessenen Freizeit über Jahrzehnte in vielen Funktionen tätig und ist dessen Ehrenmitglied geworden. Er hat den Bau der drei Standorte der Reiterei maßgeblich mitgestaltet. Zuerst gab es den Umzug von der leerstehenden Halle der alten Zuckerfabrik in die Klöckerstraße und von dort schließlich mit dem Bau des großen Zentrums mit zwei Hallen in den Pahenwinkel. Zum 90. Geburtstag im November 2015 überraschte ihn der Verein mit dem Besuch einer Abordnung mit Pferden und einer Kutschfahrt.

 

Eine Tätigkeit als Landtierarzt mit Großtieren gibt es heute kaum mehr. Die Kundenwünsche haben sich geändert und ohne intensive Kleintierbehandlung geht meist es nicht mehr. Doch fragt sich der alte Tierarzt, ob das sein muss, eine Diät von Hunden und Katzen nach Blutuntersuchung und ein gemeinsames Wellnesswochenende für Tier und Mensch?  

 

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Kutschenkorso am 90. Geburtstag 2015 um die Meierei in Brakel. Auf dem Kutschbock Heiner Beckmann und Frau.


 
Im März 2016 habe ich ihn in der Stadt getroffen.

 

„Der Doktor und das liebe Vieh“

 

Man fühlt sich an die beliebte TV-Serie des nord-englischen Tierarztes
James Herriot
erinnert, wenn man die Dr. Classens Vita liest. Auch dieser fing als Assistenzarzt in einer

Landpraxis an, wurde dann Teilhaber und übernahm dann die Praxis schließlich. Skurrile Charaktere menschlicher und tierischer Art gehörten zu seinen Kunden. Es entstanden Geschichten, die das Leben schreibt, gewürzt mit viel englischem Humor.

 

Hinweis

 

Dr. Andreas Diez, vier Jahre Assistent bei Dr. Classen, hat 1990 die Praxis üb

ernommen und führt sie als Gemeinschaftspraxis weiter. Heute: Dres. Andreas Diez, Ulrich Mrugalla-Rox und Tierärztin Kristin Rox, Am Schützenanger 9a.  

 

http://www.tierarztpraxis-brakel.de/